Francesco und die Gans – Karlsruhe in den 1960ern
Francesco und die Gans – Als mein Vater Karlsruhe auf seine Art kennenlernte
Es war ein schöner Frühlingstag. Die Sonne schien, die Luft roch nach frischem Gras, und mein Vater Francesco schlenderte durch Karlsruhe – entspannt, neugierig, ein bisschen heimwehkrank. Dann sah er die Gans.
Weiß. Fett. Nur ein paar Meter entfernt. Und völlig ahnungslos.
Was in diesem Moment in meinem Vater vorging, lässt sich eigentlich ganz einfach erklären: Er war im Süden aufgewachsen. In einer Zeit, in der man sich sein Essen noch verdienen musste – im Wortsinne. Eine fette Gans auf der Wiese war für ihn kein Stadtbild. Das war ein Abendessen.
Vom Spaziergänger zum Jäger – in drei Sekunden
Francesco hatte in den ersten Tagen in Karlsruhe schon einiges erlebt. Die Arbeit in der Fabrik hatte er schnell gefunden – die deutschen Betriebe suchten händeringend nach Arbeitern, und er war kräftig, fleißig und hatte keine Angst vor harter Arbeit. Aus Montescaglioso (Matera) war er über Umwege nach Karlsruhe gekommen: erst ein kurzer Aufenthalt in Mailand, dann der Zug nach Norden, in eine Welt, die so gar nichts mit der Basilicata gemeinsam hatte.
Es war so um 1963,1964...
Vom sonnigen Süden nach Deutschland. Kein Meer in Sichtweite. Keine Feigenbäume. Keine Stimmen, die er verstand.
Aber an diesem freien Nachmittag wollte er einfach spazieren gehen. Die Sonne genießen. Durchatmen. Und dann – die Gans.
Sein Körper schaltete um, bevor sein Kopf überhaupt reagieren konnte.
Spaziergänger-Modus: aus.
Jäger-Modus: an. Francesco verlangsamte seine Schritte, zog langsam – ganz langsam – seine Jacke aus. Ein Fangnetz, improvisiert aus Stoff. Er hatte das als Kind schon gemacht. Hühner, Kaninchen, was auch immer. Man nimmt, was die Situation bietet.
Er schlich sich näher. Ein Meter. Zwei. Die Gans watschelte gemächlich weiter und beachtete ihn kaum.
Erster Versuch: knapp daneben. Die Gans schnatterte empört.
Zweiter Versuch: wieder nichts. Verdammt.
Das Publikum, das er nicht eingeplant hatte
Francesco wollte gerade zum dritten Anlauf ausholen, da bemerkte er etwas. Irgendetwas stimmte nicht. Er spürte es, bevor er es sah.
Er drehte sich um.
Da standen sie. Eine Handvoll Deutschen. Ruhig. Aufrecht. Mit einem Blick, der ungefähr so viel sagte wie: Was zur Hölle macht dieser Mann da?
Keine lauten Worte. Kein Geschrei. Einfach nur dieser Blick – schwer wie ein nasser Wintermantel.
Francesco kannte kein Deutsch. Die Deutschen konnten kein Italienisch. Aber Sprache brauchte es an diesem Moment nicht. Er verstand sofort: Mit dem Jagen sollte er jetzt aufhören.
Er richtete sich auf. Zog die Jacke wieder an. Nickte kurz – halb verlegen, halb trotzig, ganz Francesco. Und ging weiter, als wäre nichts gewesen.
Die Gans watschelte in die andere Richtung.
👉 Kindheit in Montescaglioso: Francesco, ein Junge zwischen Feldern, Hunger und Lebensfreude
Warum eine Gans in Montescaglioso kein Haustier ist
Wer den Süden Italiens kennt – die Matera-Region, die Dörfer der Basilicata, die Hügel rund um Montescaglioso – der weiß: Dort war und ist das Verhältnis zum Tier ein anderes als in einer deutschen Großstadt der Nachkriegszeit.
Eine Gans auf der Wiese war dort kein Stadtbewohner mit Bleiberecht. Sie war Essen. Punkt. Gänse wurden geschlachtet, geschmort, mit Rosmarin und Knoblauch in schwere Töpfe gegeben. Der Geruch zog durch das ganze Haus. Die Kinder schauten zu. So war das. Niemand fand das seltsam.
In Karlsruhe hingegen – das merkte Francesco spätestens jetzt – hatte eine Gans offenbar einen anderen Status. Sie gehörte zum Stadtbild. Man beobachtete sie. Man fotografierte sie vielleicht. Aber man warf keine Jacke nach ihr.
Das war eine dieser kleinen, stillen Lektionen, die Einwanderer in einem fremden Land lernen müssen. Nicht aus Büchern. Nicht aus Kursen. Sondern aus dem Gesicht von Leuten, die einen anschauen, als hätte man gerade etwas Ungeheuerliches getan.
Dabei war es doch nur eine Gans.
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Ein Mann zwischen zwei Welten
Francesco war manchmal kein einfacher Mensch. Er war frech, lustig, freiheitsliebend – und er hatte in seinem Leben in Montescaglioso gelernt, Situationen direkt anzugehen. Wenn man Hunger hatte, suchte man Essen. Wenn eine Gans vor einem stand, fing man sie. Das war keine Unverschämtheit. Das war Pragmatismus.
Aber Deutschland war anders. Nicht schlechter, nicht besser – einfach anders. Und Francesco war klug genug, das zu verstehen, auch ohne ein Wort der Sprache zu sprechen.
Er erzählt diese Geschichte oft. Immer mit einem Grinsen. Immer an der Stelle, wo er sich umdreht und die Deutschen stehen sieht, macht er eine kurze Pause – für Wirkung. Er weiß genau, wie man eine Geschichte erzählt.
Die Deutschen, sagt er dann meistens, wüssten offenbar nicht, wie gut ein Gänsebraten sein kann. Schade eigentlich.
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| Deutschland in den 1960er |
Was diese Geschichte über Integration erzählt
Man könnte diese Anekdote einfach lustig finden – und sie ist lustig. Aber sie steckt auch voller Wahrheit.
Die erste Generation der Gastarbeiter aus Süditalien, aus der Basilicata, aus Orten wie Montescaglioso, lebte in einem permanenten Übersetzungsprozess. Nicht nur sprachlich. Kulturell. In jedem Moment mussten sie entscheiden: Was gilt hier? Was gilt von zu Hause? Was davon nehme ich mit, was lasse ich hinter mir?
Francesco hatte einen Überlebenstrieb, der in der Nachkriegszeit im Mezzogiorno notwendig gewesen war. In Karlsruhe war dieser Trieb – zumindest was Gänse betraf – weniger nützlich.
Aber er behielt seinen Humor. Seinen Blick fürs Absurde. Und die Fähigkeit, Situationen zu lesen, auch wenn er die Sprache nicht kannte. Das war vielleicht sein größtes Talent.
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Fazit: Die Gans, die es davonkam
Die Gans überlebte diesen Frühlingstag unbeschadet. Francesco auch – zumindest sein Ruf, zumindest halbwegs. Er aß an diesem Abend wahrscheinlich etwas aus der Kantine oder kochte sich selbst etwas in seiner kleinen Unterkunft. Was genau, ist nicht überliefert.
Was überliefert ist: Er hörte auf. Er zog die Jacke an. Er ging weiter.
Nicht weil er Angst hatte. Nicht weil er sich schämte. Sondern weil er verstand, dass dieses Land andere Regeln hatte – und dass er, wenn er hier ein Leben aufbauen wollte, diese Regeln kennenlernen musste. Eine Gans nach der anderen.

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